Senat positioniert sich gegen das ökosoziale Stadtgrün

23.12.18

 

Der Senat möchte eine "Charta für das Berliner Stadtgrün" erarbeiten. Hierfür hat er ein sog. Impulspapier verfasst und ein Beteiligungsverfahren mit Diskussionsforen und einer bereits abgeschlossenen Online-Umfrage installiert. Über einen "Stadtdialog" sollen sich die Stadtgesellschaft, die Senatsverwaltungen, die Bezirke und die Fachöffentlichkeit darüber verständigen, wozu grüne Infrastruktur gut ist und wie sie gefördert werden kann. "Es gilt, ausreichend große, an örtlichen Gegebenheiten und Bedarfen ausgerichtete grüne Freiräume zu sichern und zu entwickeln" (Pressemitteilung des Senats vom 28.08.18).

Schöne Worte, die auf einen großen Wurf abzielen. Doch wirft man eine genaueren Blick in das Impulspapier, muss mensch feststellen, dass urbane Gärten einzig in ihrer Funktion als Zwischennutzer benannt werden.

 

Damit stellt sich der Senat gegen die vielfältigen Bemühungen Berliner Gärten, um von genau diesem gängigen Status als prekäre Zwischennutzer wegzukommen und für Gärten eine feste planungsrechtliche Größe und damit Existenzsicherheit zu erlangen und somit die Arbeit der Gemeinschaftsgärten wirksam verstetigen zu können. Selbst der gemeinsame Antrag von GRÜNEN, LINKEN und SPD im Abgeordnetenhaus mit dem Titel "Urban Gardening in der Stadt verwurzeln" war diesbezüglich schon einmal weiter. Er plädierte dafür, "wohnungsnahe öffentliche Flächen für Urban Gardening zu gewinnen und zu erhalten". Der Senat wurde dann auch aufgefordert, ein Konzept zu entwickeln, das u.a. "eine Strategie zum ökologischen Gärtnern, zur interkulturellen Öffnung der Gärten in die Kieze und zur Schaffung „Grüner Bildungsorte“" zum Inhalt haben soll.

Das im Antrag noch gewürdigte Gartenmanifest "Die Stadt ist unser Garten" hat für den Senat und sein Impulspapier im Verwaltungshandeln nun allerdings keinerlei Relevanz mehr. Sein "Stadtdialog" suggeriert Offenheit, faktisch jedoch werden mit dem Impulspapier Gemeinschaftsgärten in ihrer Bedeutung als Orte für selbstorganisierte Bildung und Kiezkultur, als Orte in denen die Stadtgesellschaft neu gedacht und praktiziert wird, negiert.

Der 1. Untersuchungsausschuss im ZK/U, Zentrum für Kunst und Urbanistik, plädiert mit Unterstützung vieler Berliner Gärten im Gegenzug und mit Verweis auf den Koalitionsvertrag dafür, einen Dauergartenvertrag für Berlin einzurichten, analog zum seit etwa 100 Jahre bestehenden Dauerwaldvertrag. Damals sollten große Teile des Grunewaldes Opfer von Spekulation und Bauwut werden. Bürger*innen mobilisierten, sammelten Unterschriften. Letztlich konnte erreicht werden, dass mit dem Dauerwaldvertag bis heute die Berliner Wälder vor Abholzung und Bebauung geschützt werden konnten. Aufgabe eines Dauergartenvertrages soll es nun sein, gemeinwohlorientierte Gemeinschaftsgärten dauerhaft zu ermöglichen.

Die Prachttomate hat mit Hilfe vieler Nachbar*innen und Nutzer*innengruppen eine Brachfläche ökologisch, sozial und kulturell über Jahre hinweg entwickelt. Beteiligung und Teilhabe wurden und werden ermöglicht. Die Politik spricht bzgl. der Gemeinschaftsgärten gern von Partikularinteressen. Doch das was hier und in 100 anderen interkulturellen und Gemeinschaftsgärten in Berlin tagtäglich geschieht ist von und für die Menschen dieser Stadt gemacht, ist vielerorts gelebte Stadtteilentwicklung von unten, offen für jede*n. Hier wird schon längst Stadt gemacht, währenddessen der Senat seinen aktuellen Beteiligungs-Slogan "Gemeinsam Stadt machen" im Impulspapier grandios auflaufen lässt.

 

In den Kiezen und Gärten die ökosoziale Stadt wachsen lassen - auf gesicherter Grundlage, selbstverwaltet, dauerhaft!

Wenn Konzerne mitgärtnern wollen ...

16.09.18

 

Angeklopft haben bereits Zalando (wir berichteten: Archiv 2017 - 1, 06.05.17), Gardena - und jüngst nun Delivery Hero, „ein internationales Unternehmen mit Hauptsitz in Berlin. Mehr als 1.000 Mitarbeiter aus fast 70 verschiedenen Ländern arbeiten in unserem "Hero Hub" an der Oranienburger Straße“.
Dessen als erfolgreich gepriesenes Geschäftsmodell besteht darin, Essen aus Restaurants des näheren Umkreises von hyperflexibilisierten Fahrradkurier*innen zu Kund*innen liefern zu lassen.
Und was ist das Anliegen dieses global agierenden Konzerns mit annähernd 16.000 Mitarbeiter*innen? „Wir würden gern mehr Verantwortung für unsere Stadt übernehmen und langfristig etwas Gutes tun. Ihre Organisation steht für Werte, die wir vertreten und gern unterstützen möchten.“
Erstere beiden Punkte können wir bestens nachvollziehen, liegt doch die Hauptverantwortung dieses als europäische Aktiengesellschaft aufgestellten Konzerns in erster Linie darin, die Rendite seiner Aktionär*innen zu steigern und das gern auch mit Berichten darüber, was er selbst „Gutes“ tut. Der letzte Punkt - unsere zum Vorbild gereichende Wertehaltung - bereitet uns zugegebenermaßen schon etwas Kopfzerbrechen. Müssen wir da noch etwas an unserem Corporate Design arbeiten, um in Zukunft keine entsprechenden Anfragen mehr zu erhalten?


„Sehr gern würden wir Ihnen etwas von unserer Zeit spenden und unseren Mitarbeitern die Möglichkeit geben, ehrenamtlich für Sie aktiv zu werden - gern auch regelmäßig und langfristig“.
Wir verzichten! Denn das Corporate Volunteering von Delivery Hero hat mit seinen Teambildungsmaßnahmen und Reputationsmanagement-Plänen die Funktion, von den miesen Arbeitsbedingungen beim Tochterunternehmen Foodora - und womöglich denen anderer hauseigener Marken wie pizza.de oder lieferheld.de - abzulenken. Denn wir möchten kein Social Washing-Support für ein Unternehmen betreiben, das seine Kurierfahrer*innen von Foodora einem harten und unfairen Effizienz-Ranking auf Algorithmus-Basis aussetzt, bei einem faktischen Stundenlohn unter dem Mindestlohn, wenn man die Aufwendungen für Material und Versicherung von den 9,00 € Grundlohn mitberechnet. Das Lohnsystem mit seinen Anreizen führt zu riskanterem Fahren, berichtet die Hans-Böckler-Stiftung. Wie selbstverständlich wird erwartet dass die Fahrer*innen eigene Arbeitsmittel wie Fahrrad und neueres Handy mit entsprechendem Vertrag und Datenvolumen mitbringen und die anfallenden Reperaturkosten selbst tragen.
Doch viele Fahrer*innen bei Foodora und des Konkurrenten Deliveroo wehren sich und haben sich auf Betriebsebene und überbetrieblich zusammengeschlossen und Demos organisiert. Mancherorts konnte ein Betriebsrat gebildet werden. Die Basisgewerkschaft FAU unterstützt die Proteste, so auch in Berlin. Die Forderungen: die volle Übernahme der Reparaturen an ihren eigenen Fahrrädern, mehr Lohn und eine bessere Organisation der Schichtendienste. Foodora gewährte als Ergebnis der Verhandlungen einzig eine von den betroffenen Fahrer*innen als völlig unzureichend eingestufte Pauschale für Reperaturen. Deliveroo hat sich ganz aus den Verhandlungen zurückgezogen. Die Kurierfahrer*innen sind entsprechend unzufrieden und haben weitere Aktionen bis möglicherweise hin zum Streik angekündigt. Riders united!

Social Washing mit grüner Wirkformel, 06.05.17

06.05.17

 

 

Zalando, Europas größter Modeversandhändler und Aktiengesellschaft SE mit derzeit 12.000 Mitarbeiter*innen, möchte an seinem Kreuzberger Standort in der Zeughofstraße einen Dachgarten errichten. Auch wir wurden um Unterstützung gefragt. 

 

"Wir möchten gemeinsam arbeiten, nicht nur am Schreibtisch. In Workshops, Gartenarbeitstagen, in Projekten mit unserer Kita wollen wir uns für den Schutz von Umwelt und Natur engagieren, den Aufbau von weiteren urbanen Gärten an anderen Zalando Standorten ausrollen und über den ökologischen Anbau und gesunde Ernährung informieren". 

 

Klingt doch toll, wenn sich Angestellte neben ihrem eigentlichen Job nun auch noch um das städtische arbeitsplatzzugehörige Grün kümmern dürfen. Oder müssen? Nicht mit uns!

 

Es ist prinzipiell begrüßenswert wenn sich mehr und mehr Menschen für ökologischen Lebensmittelanbau und gesunde Ernährung interessieren. Doch wenn diese dringlichen Anliegen durch Unternehmensinteressen gekapert und für den Zweck der Profitsteigerung samt neuer zeitgemäßer Corporate Identity und verbesserter Public Relation mißbraucht werden, ist Schluss mit lustigem netzwerken. 

 

Das Unternehmen Zalando steht seit langem in der Kritik. In der Vergangenheit vielfach bemängelt wurden fragwürdige Pausenregelungen, Arbeitsplatzüberwachung, hoher Arbeitsdruck, sehr hoher Anteil an befristeten Verträgen, mickrige Stundenlöhne. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kritisiert die eingeschränkten Arbeitnehmer*innnenrechte beim europaweiten Betriebsrat. Zwar heisst es zuweilen, dass sich das Unternehmen auch konstruktiv zeige in der Behebung einiger dieser Mängel - was die Mängel aber nicht grundlegend beseitigt. 

 

Einem solchen Unternehmen werden wir keinen grünen trendy Anstrich verpassen helfen. Wie Vattenfall mit seinem Vorzeigegarten am Standort in der Köpenicker Straße Greenwashing betreibt, scheint nun auch Zalando auf den Washing-Zug aufspringen zu wollen, indem es den Anschluss sucht an Garteninitiativen aus den Stadtteilen, um seinen ramponierten Ruf aufzupolieren: durch Socialwashing mit grüner Wirkformel.

 

Zalando will nun zu allem Übel auch noch als weiterer Anheizer und Gewinnler der Gentrifizierung im Wrangelkkiez in Kreuzberg auftreten. Dort wird das Unternehmen Hauptmieter des geplanten Gewerbegebäudes auf der lange umkämpften Cuvrybrache werden. Und auch hier soll offenbar “gemeinschaftsgegärtnert“ werden. 

 

Nicht unerwähnt lassen wollen wir in diesem Zusammenhang, dass die sog. Samwer-Brüder, die einst mit ihrem Startup Zalando ein Vermögen gemacht haben, sich auch im Poker um den Aufkauf von Häusern eines ganzen Blocks im Neuköllner Reuterkiez beteiligten. Mittlerweile sind sie als Gesellschafter der Hintze-Gruppe Mitvermieter dort. Die betroffenen Mieter*innen von "Unser Block bleibt" kämpfen gegen drohende Modernisierungen und Mieterhöhungen.

Veranstaltungen im Garten

So 24.03.19, vorauss. ab 13 Uhr

Angärtnern

heisst Losgärtnern in den Frühling, den Garten und uns kennenlernen! Mit Arbeitsstationen & Essen/Trinken

 

So 28.04.18

Infofest zum Aktionstag von Via Campesina

 

Empfohlene Veranstaltungen

Dauerhaft: Potse bleibt! Kundgebung vor den Räumlichkeiten, Potsdamer Straße

 

20.02.19, 19 Uhr

Gartenküche mobil

Schwester Martha (Ex-Rauchhaus), Mariannenplatz 1A

Mit Input zum Frauen*streiktag und Austausch

 

02.03.19, 15 Uhr

Demo: Interkiezionale, Sterndemo Neukölln

Herfurthplatz (Treffpunkt für alle Neuköllner*innen, um sich dann später mit den anderen Demos am Lausitzer Platz zu treffen)

 

13.03.19, 18 Uhr

Treffen des Netzwerks Urbaner Gärten in Berlin

Info zum Ort folgt

 

06.04.19, 11 Uhr

Demo: Mietenwahnsinn. Wohnraum ist keine Ware!

Alexanderplatz

 

04.05.19, 11 - 18 Uhr

Pflanzentauschmarkt

Prinzessinnengarten, Moritzplatz

 

 

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